Es gibt ein Leben nach dem 1:0! – ISSW EM-Blog 2012

Schlusspfiff, 1:0 für Deutschland!
Das erträumen sich viele, manche erwarten, einige befürchten es für die Fußball-Europameisterschaft – auch außerhalb Deutschlands. Gern dürfen es ein paar Tore mehr sein oder packende Szenen, begleitet von aufwüh-lenden Gefühlen.
Aber so sehr die Spiele der kommenden vier Wochen die Menschen in Europa in ihren Bann ziehen:
Es gibt ein Leben nach dem 1:0, und davor, danach und drum herum!

Dies gilt für die Spiele selbst, insbesondere aber auch für den gesellschaftlich-politischen Kontext, in dem das Turnier in Polen und der Ukraine stattfindet.

Der Heidelberger ISSW EM-Blog 2012 begleitet daher die Begegnungen in Warschau, Kiew, Posen, Charkiw, Danzig, Lemberg und anderen Orten mit spannenden Hintergrund-informationen aus der Sportwissenschaft. Trainingswissenschaftliche, sportpsychologische und -pädagogische Themen wechseln sich mit sporthistorischen und -soziologischen Beiträgen rund um den Fußball und die EM ab. Sie kommen aus der Feder der fußball-interessierten oder -forschenden Wissenschaftler des Instituts für Sport und Sportwissen-schaft an der Universität Heidelberg oder wurden von namhaften ehemaligen Kollegen, renommierten Experten und Journalisten verfasst, die dem Institut verbunden sind.

Ergänzt werden diese Originalbeiträge durch Informationen und Links auf thematisch ein-schlägige Artikel aus führenden Zeitungen und Zeitschriften oder wissenschaftlichen Publi-kationen.
Alles Weitere liegt in den Händen der Nutzer, ihrer Kritik, ihren Kommentaren, Anregun-gen oder auch ihrem Lob.

Der Blog wird redaktionell betreut von Rüdiger Heim und Janina Donalies-Vitt, tatkräftig unterstützt von Daniel Kraft.

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High Tech überfällig? – Schiedsrichterentscheidungen und technische Hilfen

von Geoffrey Schweizer & Henning Plessner

In Zeiten sportlicher Großereignisse wie der UEFA-Europameisterschaft rückt eine Perso-nengruppe in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses, die dort normalerweise weder zu finden ist noch zu finden sein will: Die Gruppe der Schiedsrichter. Im Zentrum der Berichterstattung stehen auf einmal echte und vermeintliche Fehlentscheidungen sowie deren echter oder vermeintlicher Einfluss auf den Ausgang des betreffenden Spiels, den Verlauf des Turniers oder gar die Wirtschaft des Herkunftslandes der betroffenen Mannschaft. In einem Atemzug mit der Torkamera wird dann oft der Videobeweis bei Foulentscheidungen gefordert. Wie aber steht es wirklich um Schiedsrichter und ihre Entscheidungen? Welchen Sinn machen technische Hilfsmittel?

 Schiedsrichter bei einer EM treffen im Durchschnitt circa 200 Entscheidungen pro Spiel (Helsen & Bultynck, 2004). Diese Zahl umfasst so genannte sichtbare aber auch unsichtbare Entscheidungen. Denn: Jedes mal, wenn ein Schiedsrichter beschließt, dass ein Vorfall regelkonform war und daher das Spiel weiter laufen lässt, war das ja auch eine Entscheidung – nur eine, von die Zuschauer meistens gar nichts mitbekommen. Bei der EM 2012 gab es 24 Vorrundenspiele. Das bedeutet, bis zum Ende der Vorrunde hatten die Schiedsrichter bereits ungefähr 4800 Entscheidungen getroffen – und die allermeisten davon korrekt. In diesem Licht betrachtet relativieren sich ein oder zwei umstrittene Entscheidungen doch deutlich.

Das Treffen von Entscheidungen in Foulsituationen stellt darüber hinaus eine äußerst komplexe Aufgabe dar: Zunächst müssen diese Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit getroffen werden. Schiedsrichtern bleibt buchstäblich keine Zeit zum Nachdenken! Darüber hinaus müssen Schiedsrichter, um zu ihrer Entscheidung zu gelangen, meist mehrere Informationen miteinander verknüpfen. Aufgrund der Schwierigkeit dieser Auf-gabe wird es niemals möglich sein, 100% korrekte Schiedsrichterentscheidungen zu erreichen! Manche Vorfälle sind so schwer zu entscheiden, dass sich auch bei wiederholtem Ansehen der Videoaufzeichnung mehrere Schiedsrichter nicht auf eine Entscheidung einigen können (Gilis, Weston, Helsen, Junge und Dvorak, 2006). Es ist wichtig zu betonen, dass dies nicht daran liegt, dass die Schiedsrichter es nicht besser können. Nein, wir müssen uns daran gewöhnen: Manche Situationen im Laufe eines Fußball-Spiels sind eben so uneindeutig, dass eine objektiv korrekte Entscheidung schlichtweg nicht zu bestimmen ist.

Abgesehen davon macht einen guten Schiedsrichter deutlich mehr aus als nur das Treffen richtiger Entscheidungen: Schiedsrichter kommunizieren und interagieren mit den Spielern. Sie brauchen somit hervorragende Kommunikations- und Durchsetzungs-fähigkeiten. Sie müssen psychisch wie körperlich äußerst belastbar sein. So müssen Schiedsrichter etwa in der Lage sein, sich während des Spiels möglichst wenig von den Protesten der Spieler und Zuschauer beeindrucken zu lassen. Gleichzeitig laufen sie mehr als manche Spieler auf dem Platz. Das bedeutet, sie müssen bei höchster körperlicher Belastung trotzdem noch Entscheidungen treffen und diese den Spielern kommunizieren können. Im Gegensatz zu Spielern dürfen sich Schiedsrichter keine Gefühlsausbrüche auf dem Platz erlauben: Egal was passiert, sie müssen ihre Emotionen bis nach dem Spiel unter Kontrolle haben. Wie schwer das ist, können die Fußballer unter den Lesern ja mal ausprobieren: Versuchen Sie mal, während des nächsten Spiels keine Gefühlsregung zu zeigen – auch bei einer Ihrer Meinung nach gravierenden „Fehlentscheidung“ nicht…

Wie steht es nun um die Sinnhaftigkeit technischer Hilfsmittel wie Torkamera und Video-beweis in Foulsituationen? Aus psychologischer Sicht ist diese Frage klar zu beantworten: Videobeweise machen erstmal nur Sinn in Situationen, in denen die richtige Entscheidung objektiv feststellbar ist. Ob der Ball vor oder hinter der Torlinie war, könnte eine solche Situation sein: Wenn eine Kamera korrekt positioniert ist, ist es innerhalb kürzester Zeit möglich anhand der gemachten Aufnahmen recht eindeutig zu sagen, ob der Ball im Tor war oder nicht. Allerdings sind technische Systeme wie z.B. das Hawk Eye im Tennis auch nicht 100%ig genau. Im Millimeter-Bereich bleibt eine gewisse Messungenauigkeit. Eine Torkamera erscheint aus dieser Perspektive aber insgesamt sinnvoll, zumal die (geringe) Fehlerwahrscheinlichkeit bei technischen Systemen scheinbar eher akzeptiert wird als bei Menschen. Komplizierter ist das aber schon bei Abseitsentscheidungen, wo sich Messungenauigkeiten im Millimeter-Bereich schnell zu gröberen Fehlern aufaddieren können.

Noch einmal ganz anders sieht es aus für den Videobeweis in Foulsituationen: In vielen strittigen Foulsituationen wird nicht eindeutig feststellbar sein, ob es sich bei dem Vorfall um ein Foul handelt oder nicht. Es ist in diesen Situationen unmöglich, eine objektiv richtige Entscheidung zu treffen. In diesem Fall würde das Problem sozusagen nur eine Instanz weiter gegeben: Die heiße Kartoffel läge nicht mehr beim Schiedsrichter auf dem Platz, sondern beim „Kamera-Schiedsrichter“. Zwar mag dieser durchaus in einigen Situationen besser als der Schiedsrichter auf dem Platz in der Lage sein, die korrekte Entscheidung zu bestimmen – aber eben nicht in allen, wie von Verfechtern des Videobeweises oftmals suggeriert wird. Darüber hinaus ginge der Videobeweis für Foulsituationen mit erheblichen Kosten einher: Ein offensichtlicher Nachteil wäre, dass die Autorität des Schiedsrichters auf dem Platz geschwächt würde. Gerade diese ist aber für die erfolgreiche Leitung eines Spiels ausschlaggebend. Außerdem ist unklar, wie verfahren werden soll mit den Ereignissen, die zwischen der Entscheidung des Schiedsrichters und einer eventuellen Korrektur durch den Kamera-Schiedsrichter auf dem Platz geschehen. Zudem muss zu jeder Zulassung eines technischen Hilfsmittels ein wohl komplexes Regelwerk entwickelt werden, wie und unter welchen Umständen sie in den Entschei-dungsprozess miteinbezogen wird. Sportarten, bei denen bisher Videoinformationen für bestimmte Entscheidungen hinzugezogen werden können (z.B. Rugby, Feldhockey, Turnen), gehen damit sehr unterschiedlich um und es ist eine offene Frage, welches dieser Modelle für Fußballspiele tatsächlich geeignet wäre. Schließlich weiß auch jeder Computer-nutzer, dass selbst (oder gerade) die besten technischen Systeme eine Neigung entwickeln können, in wichtigen Momenten auszufallen. Auch dafür müssten Regelungen getroffen werden.

Als Fazit lässt sich festhalten: Die Aufgabe von Schiedsrichtern im Fußball ist eine äußerst schwierige – und sie lösen diese überwiegend hervorragend! Genau wie wir akzeptieren, dass selbst ein Weltklasse-Stürmer nicht bei jedem Schuss treffen kann, müssen wir ein-fach akzeptieren, dass auch Weltklasse-Schiedsrichter mal falsch liegen können.
Technische Hilfsmittel können eine sinnvolle Ergänzung sein, aber es hängt davon ab, wofür sie eingesetzt werden sollen. Und eines werden Hilfsmittel niemals ersetzen können: Die Persönlichkeit der Schiedsrichter auf dem Platz, ihre kommunikativen und sozialen Kompetenzen, die ein Turnier wie die EM überhaupt erst möglich werden lassen.

 

Literatur:
Gilis, B., Weston, M., Helsen, W., Junge, A., & Dvorak, J. (2006). Interpretation and application of the laws of the game in football incidents leading to player injuries. International Journal of Sport Psychology, 37, 121-138.
Helsen, W., & Bultynck, J. B. (2004). Physical and perceptual-cognitive demands of top-class refereeing in association football. Journal of Sports Sciences, 22, 179-189.

 

Geoffrey Schweizer

                                                                                                                Geoffrey Schweizer hat in Heidelberg Psychologie studiert. Er schrieb seine Doktorarbeit an der Universität Potsdam über die Trainierbarkeit von Schiedsrichterentscheidungen und ist Akademischer Mitarbeiter am Heidelbergér ISSW. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Entscheidungsforschung sowie der Vorhersage sportlicher Leistung.

Henning Plessner

Henning Plessner ist Professor für Sportpsychologie am ISSW der Universität Heidelberg. Er forscht zu Schiedsrichterentscheidungen sowie den sozialpsychologischen Grundlagen von Verhalten im Sport.

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Deutsche Nationalmannschaft und das Warschauer Stadion

Heute Abend tritt das deutsche Team in der polnischen Hauptstadt gegen Italien an. Dass es eine wechselvolle Geschichte der Auftritte deutscher Fußball-Nationalmannschaften im Warschauer Stadion gibt, erzählt eindrucksvoll Thomas Urban. Der Beitrag des Osteuropa-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung findet sich leider nur in der Print-Ausgabe vom 28.6. 2012, sei aber nachdrücklich empfohlen.

Veröffentlicht unter 28. Juni 2012, Allgemein, Wie politisch ist der Fußball? | Hinterlasse einen Kommentar

Fußball zwischen Patriotismus & Nationalismus

Dass Patriotismus und Nationalsimus unterschiedliche Dinge sind, zeigt eine aktuelle Studie von Marburger Sozialpsychologen um Ulrich Wagner.

Wagner, U., Becker, J.C., Christ, O., Pettigrew, T.F., & Schmidt, P. (2010). A longitudinal test of the relation between German nationalism, patriotism and outgroup derogation. European Sociological Review, 28, 319-332.

Abstract: A number of cross-sectional studies have demonstrated a significant co-variation of patriotism and of nationalism with prejudice against immigrants. The present study examines the causal relationship between the three variables among 551 adult German respondents without migration background. Employing a longitudinal cross-lagged design with two measurements four years apart, a positive and significant effect of nationalism on prejudice was found. Patriotism predicted ethnic prejudice negatively when nationalism was controlled for. However, in a separate cross lagged model where the common variance between nationalism and patriotism was not controlled for, patriotism had no causal effect on prejudice. In the discussion, these contradictory effects of patriotism on prejudice against immigrants are interpreted as the result of different dimensions composing patriotism, namely national identification and adherence to democratic norms. Consequences and political implications of the results are discussed, referring to the negative effects of enforcing both nationalism and patriotism.

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Party-Patriotismus oder Nationalismus?

Einen wohltuend informierten und abwägenden Beitrag zur Debatte um einen neuen “Fußball-Nationalismus” in Deutschland hat Markus Schulte von Drach im Online-Portal der Süddeutschen Zeitung verfasst:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/fahnenmeere-zur-em-party-patriotismus-ist-nationalismus-1.1394854

Veröffentlicht unter 28. Juni 2012, Allgemein, Wie politisch ist der Fußball? | Hinterlasse einen Kommentar

Rache für Merkels Euro-Kurs

Neue Variationen zum Verhältnis von Fußball und Politik eröffnen sich im Vorfeld des Halbfinals zwischen Deutschland und Italien: In einem Beitrag des Online-Portals der Süddeutschen-Zeitung bietet Hening Klüver  einen Einblick in italienische Befindlichkeiten http://www.sueddeutsche.de/kultur/presse-vor-dem-halbfinale-rache-gegen-die-panzer-1.1395354

Veröffentlicht unter 28. Juni 2012, Allgemein, Boulevard und Inszenierung? - Medienberichterstattung bei der EM, Wie politisch ist der Fußball? | Hinterlasse einen Kommentar

Fußball-Humor über der Schmerzgrenze

… identifiziert Lucas Vogelsang in Zeit-Online im Hinblick auf “Waldis EM Club” – die Sendung, die die Übertragungen der ARD regelmäßig und zielsicher auf den Tiefpunkt führt. Der Beitrag findet sich unter http://www.zeit.de/sport/2012-06/waldemar-waldi-hartmann-em-moderator

Veröffentlicht unter Allgemein, Boulevard und Inszenierung? - Medienberichterstattung bei der EM | Hinterlasse einen Kommentar

Frust eines Fußballromatikers

Fehlende Überraschungen in den Spielen der EM und die Seichtigkeit der TV-Sendungen beklagt der Kabarettist und bekennende Bochum-Fan Hans Werner Olm in Zeit-Online unter
http://www.zeit.de/sport/2012-06/em-schnack-interview-hans-werner-olm-kritik-langeweile

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Sauertöpfische Kritik an Fußball-Euphorie

Kritisch ins Gericht geht der Adorno-Schüler und Soziologe Detlev Clausen mit den Befürchtungen so mancher Intellektueller.

http://faustkultur.de/kategorie/gesellschaft/fussballkolumne-von-detlev-claussen.html

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Nationalismus-Schub durch Fußball-EM?

In den letzten Tagen melden sich wiederholt Stimmen, die in der aktuellen Fußball-Euphorie Anzeichen für einen sich verstärkenden Nationalismus zu erkennen glauben. Dass die Feierei politisch so gefährlich nicht sei, meinen die Sportwissenschaftler Diethelm Blecking (Freiburg) und  Jürgen Mittag (Köln) im Interview der Deutschen Welle:

http://www.dw.de/dw/article/0,,16046410,00.html

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Von der volkstümlichen Spielkultur Englands zum modernen Fußball

 von Karl-Heinrich Bette

Die Verwandlung traditioneller Volksspiele zum modernen Sport hat das Fußballspiel in einer gera­de­­zu idealtypi­schen Weise vollzogen. Am Anfang steht die wil­­de, weit­­ge­hend re­gel­­lose, nicht zwischen Zuschauern und Spie­lern trennende volk­s­­tüm­liche Spiel- und Fest­kultur Eng­lands, die schon im Mittelalter als Ge­fähr­dung der öffent­li­chen Ord­nung an­gesehen wurde und deshalb immer wie­der von der staat­li­chen Ob­rig­­keit mit Verboten be­legt worden war. Die­ses rauhe, kämpferische Spiel wurde im ers­­ten Drit­tel des 19. Jahr­­­­hun­derts von den bürger­li­chen Eli­ten aus ih­­­rem ur­­­sprüng­­li­chen Ent­­ste­­hungs­­­kon­text ab­ge­kop­pelt, ei­nem grundlegenden Be­deu­tungs­­­­­wan­del un­ter­­­­wor­­fen und an den Pub­lic Schools in ein ei­gen­stän­diges, auf Er­zie­hung, Cha­rak­­ter­bil­dung und Körperdisziplinierung aus­ge­rich­tetes Sys­tem kon­kur­renz­­­­orien­tier­ter Übun­gen und Spie­le trans­for­­miert. In diesen inter­nats­mä­ßi­gen Einrichtungen wurde das vor­mals bru­­­­­­­tale und ver­­let­­zungs­­­rei­che Ge­­gen­­­ein­ander der Schüler er­folg­reich durch eine Kon­­kur­renz­­­­ethik, den Fairplay-Ge­­dan­­ken, do­mes­­­tiziert und zivili­siert. Auf dieser Grundlage konnte an­schließend ein jen­seits des Er­zie­­­­hungs­sys­tems an­ge­­sie­delte Sport­art mit ei­genen Or­ga­­nisationen entstehen, die national und inter­na­tional geltende Re­geln de­­fi­nierte und schrift­­­lich fi­xier­te, räum­li­che Grenzen und zeit­li­che Limitierungen des Spiel­ab­laufs ge­­nau fest­­leg­te, die So­zial­­fi­gur des inter­ve­nie­ren­den Drit­ten, des Schiedsrichters, struk­­tu­rell in das Spiel­system ein­baute, eine schar­­fe Tren­nung zwi­­­­schen Ak­­­­teur und Pu­b­likum vor­­­nahm, das Ag­gres­sions­poten­tial der Spie­­ler einer so­zi­alen Kon­trolle un­ter­­war­f, bei Ver­feh­lun­gen Sank­tio­nen ver­häng­te so­wie kör­per­li­che und takti­sche Fertig­keiten statt Ge­walt und Stär­ke be­lohn­te.

So ent­­­stand aus ei­nem in England und auf den äußeren Inseln auf lo­­kaler Ebe­ne zwi­­­schen Dör­­fern, Zunft­mit­­glie­dern, Sip­­pen oder an­de­­­ren Ge­­­­­­mein­­schaf­­ten ausge­trage­nen früh­­­neu­zeit­lichen Volks­­spiel durch Pro­­zesse der Spe­zialisierung, Ver­­­rege­lung und Orga­ni­­­sa­ti­ons­­­­­bil­­dung ein in Ligen durch­geführter, auf Sieg und Niederlage, auf- und Abstieg ausge­richteter Wett­­­­­be­werbs­sport, der ab der zwei­­ten Hälf­­­­­te des 19. Jahr­hun­derts Au­to­­no­mie ge­wann und an­schlie­­­ßend ei­nen welt­­weiten Sie­­geszug an­trat und bis heu­te die Mas­­­­­­­­sen be­geis­­tert. In Eu­ro­pa, Süd­­ame­rika und Afrika wurde das Fuß­­­­ball­spiel nach seiner Eta­blie­rung als orga­ni­sier­te Wett­kampf­sportart an­fäng­­lich über Mis­sionare, Pries­ter, Leh­­­rer, Fern­rei­­sende, Händler, See­leute und Sol­­­da­ten ver­­brei­tet und popu­la­ri­­siert. Nur in den USA ist »soc­cer« we­gen der Do­mi­­­nanz be­reits etablierter Sport­­ar­ten wie Foot­­ball, Base­ball, Bas­ket­­ball, Eis­hockey, Pferde­ren­­nen, Boxen und Mo­­tor­sport re­lativ mar­gi­nal geblieben. Ledig­lich an den dortigen Schulen und Universitäten erfreut sich das Fuß­ball­spiel einer gro­ßen Beliebt­heit, insbesondere bei jungen Mäd­chen und Frauen. Beob­achter ge­hen aller­dings davon aus, dass sich die Reputations­hierar­chie der Sport­arten in den USA unter dem Einfluss der massiven Ein­wan­de­rungs­ströme aus Mittel- und Süd­amerika in den nächsten Jahr­­zehn­ten verändern könnte.

Die Metamorphose vom Spiel zum mo­der­nen Sport verweist auf den ge­sellschaftlichen Wandel, der sich insbesondere in den entwickelten Gesell­schaf­ten seit Mitte des 19. Jahrhunderts ergeben hat. In den durch In­dus­triali­sie­rung und Migration ge­präg­­ten und ver­än­der­ten Städ­­ten entstand ein Be­darf an Zer­streu­ung, Re­­­ge­­­­ne­­ra­­tion, Schock und Ge­mein­schafts­er­le­ben, der zu ei­nem gro­ßen Teil durch den Sport ab­ge­deckt wurde. Durch die Tren­nung von Ar­beit und Frei­zeit, die Tech­ni­sie­rung des Trans­ports so­wie die Ent­wick­lung neuer Kom­­muni­ka­­ti­ons­­techni­ken war es in der Fol­ge­zeit mög­lich, ein sportorientiertes Mas­­sen­­publi­kum zu finden und zu unter­hal­­ten, räum­­lich zu be­­we­gen und über Er­eig­nisse jen­seits des Ho­ri­­zonts dau­er­haft zu in­for­­mie­ren. Die Er­fin­dung der Dampf­ma­schi­ne ließ Eisen­bahnen und Dampf­schiffe ent­ste­hen und ver­bes­ser­­te damit gleich­zeitig die sozialen Inklu­sions­möglich­kei­ten des Sports auf der Abnehmerseite. Ohne die Ent­­wick­­lung eines raum­ab­decken­den Schie­­­­­nen­net­­zes und ohne die Ein­rich­tung wind­un­abhängiger Trans­­port­mög­­lich­kei­ten auf dem Was­­ser hät­ten gro­ße Zu­­schau­er­mengen we­der bei über­­­regio­nalen Ball­spielen und Pferde­ren­nen noch bei Ru­­der- oder Box­­wett­­kämpfen auf­tauchen können. Erst mit Hil­fe der Tele­gra­­phie und der neu ent­stan­denen Mas­sen­pres­se konn­ten Sport­­inter­­­es­­sierte schnell über die Er­geb­nisse von Wett­kämp­­fen infor­miert wer­den, an denen sie selbst nicht als Zu­­schauer teil­ge­nommen hat­­ten.

Das Te­­le­­­fon half anschließend, Sport­nach­rich­ten und er­läu­tern­de In­for­ma­tio­nen in Win­­des­­eile über lan­ge Weg­stre­cken in die Heim­­­­­­­­­re­dak­­tio­nen der Zei­­tun­gen und Wo­chen­­magazine zu über­­mit­teln und schuf damit ei­nen neu­en Jour­­­na­­­lis­ten­typus. Flug­zeuge ent­sa­kra­­­­­li­sier­ten den Him­­mel und Oze­an­­dam­p­fer lie­ßen die Kon­ti­nente zu­­­sam­­men­­wach­­sen und er­mög­­lich­­­ten hier­durch ei­nen ersten interna­tio­na­­len Sport­ver­kehr. Das neu entstandene Film­­me­dium zeig­te Be­we­­gungs­- und Spiel­­­ab­läufe und ver­mit­telte den Zu­schauern das Ge­fühl von Echt­heit und Authen­tizität, ins­be­son­dere nach Ein­füh­rung des Ton­films. Radio­re­por­­ta­gen inklu­dier­ten die Zu­hörer in Deutsch­land ab 1923 in einer bis­lang un­be­kann­ten Wei­se in das Sport­ge­sche­­hen, indem sie eine Gleich­zei­tigkeit von Be­richt­­­er­stat­tung, Sport­­­­ereig­nis und Zu­hö­rer­er­le­ben her­­­stell­ten. Das Radio verband die Kon­­tinente nach Ver­­­le­gung ent­spre­chen­der Seekabel au­ditiv mitein­an­der und ver­­­schaff­te den Hö­rern das bislang un­be­kannte Gefühl, mit der rest­­li­chen Welt un­­mit­tel­bar in einer gemeinsam geteilten Weltzeit ver­bun­den zu sein. Das Fern­­­­se­hen stei­gerte und de­mo­­­kra­ti­sier­­te die­se Syn­­­chro­nizitätsem­pfin­dun­gen nach dem Zweiten Welt­­­­krieg durch die zu­­­­sätz­­liche Ein­be­zie­hung der Au­gen­sinne und verhalf dem auf kör­per­licher Be­we­gung aufgebauten Spit­zen­sport hierdurch zu einem fulmi­nan­ten Durch­bruch. Gegen­wärtig lässt das mobile In­ter­net Men­schen überall vor Ort sein und am Sportge­sche­hen teil­ha­­ben.

 Literatur:
Bette, Karl-Heinrich, 2010: Sportsoziologie.Bielefeld: transcript.
Betts, John R., 1953: The Technological Revolution and the Rise of Sport. In: John W. Loy und Gerald S. Kenyon (Hg.), Sport, Culture, and Society.London: The Macmillan Company 1969, 145-166.
Dunning, Eric, 1973. The Structural-Functional Properties of Folk-Games and Modern Sports. In: Sportwissenschaft, 3. Jg., Heft 3, 215-232.

Karl-Heinrich Bette

Karl-Heinrich Bette lehrte und forschte von 1992 bis 2002 als Professor für Sportwis-senschaft an der Universität Heidelberg. Seitdem hat er die Professur für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der TU Darmstadt inne. Er studierte Soziologie, Philoso-phie und Sportwissenschaft in Köln, Aachen und Urbana-Champaign, promovierte (1982) und habilitierte (1988) an der Deutschen Sporthochschule Köln. Bette ist insbesondere mit Forschungsarbeiten zur Systemtheorie und Dopingproblematik sowie Analysen aktueller Phänomene im Kontext von Sport und Gesellschaft wissenschaftlich hervorgetreten.

Veröffentlicht unter Allgemein, Spielkultur England, 24. Juni | Hinterlasse einen Kommentar